Suchen Sie nach etwas?

HaLT: Schnelle Hilfe für Jugendliche mit Alkoholproblemen

Autor:

Die erste Party. Das erste Bier. Der erste Cocktail. „Schmeckt irgendwie komisch, aber in der Gemeinschaft doch ganz lecker – also trinke ich noch mehr.“ Oder: „Der Schulstress frisst mich auf, der Druck ist so groß. Ich trinke, um nichts mehr zu fühlen.“ Solche oder ähnliche Aussagen höre ich in der Notaufnahme oder auf der Kinder- und Jugendstation immer wieder, wenn der Rettungswagen Patient:innen mit einer Alkoholintoxikation (Alkoholvergiftung) bringt.

In den vergangenen Jahren hat der problematische Alkoholkonsum insbesondere bei Jugendlichen zugenommen. Ein Grund dafür ist die ständige Verfügbarkeit: Das Bier steht griffbereit im Kühlschrank, die Weinflaschen liegen offen im Regal, der Likör und anderes Hochprozentiges füllt die kleine Hausbar – für jede und jeden zugänglich.

Alkohol gehört ganz selbstverständlich zu unserem Alltag. Dieses Thema sollten Eltern offen mit ihren Kindern besprechen. Weil Jugendliche die negativen Auswirkungen von häufigem Alkoholkonsum leicht unterschätzen oder sich nicht über die gesundheitlichen Folgen im Klaren sind. Für Kinder und Jugendliche gilt aber: Je früher sie beginnen, Alkohol zu trinken, desto größer ist die Gefahr, später gewohnheitsmäßig zu trinken oder abhängig zu werden.

Erster Rausch zwischen 14 bis 15 Jahren

Die meisten Heranwachsenden machen ihre ersten Erfahrungen mit Alkohol im Alter von 12 bis 13 Jahren. Den ersten Rausch erleben sie durchschnittlich mit 14 oder 15 Jahren, wie mehrere Untersuchungen zeigen.

Rund 58 Prozent der 12- bis 17-Jährigen haben schon einmal in ihrem Leben Alkohol getrunken. Fast neun von zehn Heranwachsende konsumieren alkoholische Getränke mindestens einmal pro Woche. Rund 4 Prozent trinken so eine große Menge, die auch für gesunde Erwachsene riskant oder gefährlich wäre. Dies sind die Ergebnisse des aktuellen Alkoholsurveys 2021 der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).

Der Studie zufolge trinken sich 11 Prozent der 12- bis 17-Jährigen einmal im Monat in einen Rausch. Zum Glück ging der Alkoholkonsum in dieser Altersgruppe in den vergangenen 20 Jahren um 30 Prozentpunkte zurück. Dennoch sind die Ergebnisse insgesamt alarmierend. So sind auch noch knapp ein Drittel der 18- bis 25-Jährigen mindestens einmal in der Woche betrunken. In dieser Altersgruppe blieb der Konsum unverändert und der problematische Konsum erhöhte sich sogar im Vergleich zu 2015.

Sich abgrenzen und unabhängig sein von Eltern

Warum aber trinken die Jugendlichen? Aus unzähligen Beispielen, die ich aus der Notaufnahme kenne, kann ich sagen: Durch den Konsum von Alkohol wollen sich Kinder der elterlichen Kontrolle entziehen und ihre Unabhängigkeit demonstrieren. Auch fällt es manchen Jugendlichen offenbar unter Alkoholeinfluss leichter, Kontakte zu knüpfen. Dadurch ist Alkohol schon unter Heranwachsenden positiv belegt.

Hinzu kommt, dass Jugendliche in der Pubertät oft zwischen Selbstherrlichkeit und großen Selbstzweifeln schwanken – kleine Probleme können somit zu großen Krisen mutieren. Alkoholkonsum bietet sich für diese Gruppe als eine Art Stress- und Problembewältigung an und verleiht vermeintliche Sicherheit, lässt ihre Sorgen und Nöte geringer erscheinen.

Vor diesem Hintergrund stellt sich für uns in der Notaufnahme die Frage, wie wir mit alkoholisierten Kindern- und Jugendlichen umgehen. Allgemein gilt: Je jünger das Kind, desto niedriger ist die Verträglichkeit für Alkohol.

Mit Ruhe, nicht wertend, trösten und helfen

Meist kommen die Patient:innen mit dem Rettungswagen zu uns. In der Regel haben die Sanitäter:innen auch schon die Eltern, in vielen Fällen auch die Polizei verständigt, etwa wenn kein verantwortlicher Erwachsener erreichbar war.

Wir begegnen den Kids mit Ruhe und sind im Kontakt mit ihnen nicht wertend, sondern trösten sie und helfen ihnen. In der Regel legen wir einen venösen Zugang, nehmen Blut ab, um zu kontrollieren, wie es mit den Elektrolyten und der Glucose steht. Zusätzlich nehmen wir einen Alkoholspiegel ab. In der Zentralen Notaufnahme der Erwachsenen befindet sich ein Alkohol-Atemtest-Gerät, das wir mitbenutzen. So haben wir schnell die ersten Richtwerte. Die Kids bekommen eine Infusion und werden zeitnah auf die Station verlegt. In der Regel werden sie am nächsten Tag entlassen.

HaLT – ein Projekt für Jugendliche mit Alkoholproblem

An diesem Punkt kommt das HaLT-Projekt zum Einsatz. HaLT steht für „Hart am Limit“ und ist ein bundesweit gefördertes Präventions- und Beratungsangebot, das Menschen unter 21 Jahren die Möglichkeit bietet, ihren riskanten Konsum zu reflektieren und zu reduzieren. In Hamburg verantwortet die Jugend- und Drogenberatung Kö der Behörde für Gesundheit- und Verbraucherschutz das Programm.

Es funktioniert so: Die Mitarbeitenden melden sich telefonisch auf der Station bei uns, um zu fragen, ob am Abend oder in der Nacht ein Kind oder junger Erwachsener mit einer Alkoholvergiftung eingeliefert wurde. Sollte dies der Fall sein, macht sich eine*r Mitarbeiter*in des Projekts auf den Weg zu uns, um mit der oder dem Betroffenen zu sprechen und das Projekt einmal vorzustellen.

Die Eltern werden dabei gerne einbezogen. Es gibt aber auch die Möglichkeit für die Heranwachsenden, dass sie ohne ihre Eltern mit den HaLT-Mitarbeitenden sprechen. Alle Gespräche sind stets vertraulich. Auf der Station wird dazu ein entsprechender Raum ausgewählt, um vertraulich reden zu können. Die Familien erhalten eine rote Mappe mit allen wichtigen Unterlagen, Merkblättern und Broschüren, in denen auch zum Beispiel steht, wo es weitere Hilfe gibt.

HaLT ist ein großartiges Projekt mit einer professionellen Zusammenarbeit zwischen den Kinderkliniken und der Stadt Hamburg. Hier wird versucht, schnell ein Angebot zu geben, das allen Beteiligten helfen kann. Gut so, dass es solche Initiativen gibt.

#JobmitSinn

Foto: Asklepios

Über Uns

Wir sind Pflege! Denn mit mehr als zwei Millionen Patient:innen sind die Asklepios Kliniken eines der größten Gesundheits-unternehmen in Deutschland. Mehr als 67.000 Mitarbeiter:innen sind rund um die Uhr im Einsatz - ein großer Teil von ihnen als Pflegekräfte.
Auf diesem Blog erzählen einige von ihnen aus ihrem Alltag in einer der bundesweit rund 170 Gesundheitseinrichtungen von Asklepios. Wie sie arbeiten und was sie bewegt, lesen Sie hier.

Letzte Beiträge

Wenn Pflegekraft zur Angehörigen wird: Ein Appell für mehr Empathie

Als gestandene Pflegefachkraft wurde ich von einem Tag auf den anderen aus meiner täglichen Routine...

Blog via E-Mail abonnieren

Gib Deine E-Mail-Adresse an, um diesen Blog zu abonnieren und Benachrichtigungen über neue Beiträge via E-Mail zu erhalten.