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Psychiatrische Pflege und Schichtdienst: Mein armer Sohn?

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Ich muss bei dieser Überschrift lachen. Klingt übertrieben, denn schon vorweg: So arm dran ist mein Sohn gar nicht. Aber viele denken es.

Das liegt vor allem an folgenden Umständen:
– Ich bin drei Wochen nach der Geburt schon wieder zur Uni gegangen. Mein Sohn wurde von Beginn an ausgeglichen von Vater und Mutter begleitet, mit der Oma im Hintergrund.
– Zum zweiten Geburtstag hat er den Schichtdienst „geschenkt bekommen“. Denn einen Tag später begann meine Ausbildung in der Pflege.
– Getrennte Eltern
– Auch das noch: Nach dem Examen hat es mich in die psychiatrische Pflege gezogen – ein Beruf quasi artverwandt mit Psychologen und Pädagogen, die immer versucht sind, als Eltern nach Lehrbuch vorzugehen.

Kann das gut gehen? Ja, das kann es!
Und wie?

Mutter-Sohn-Gespräch

Mein Sohn und ich haben uns gegenseitig Fragen gestellt. Er ist nun zwölf Jahre alt und hat sich dazu bereit erklärt, ein paar Statements und Fragen zum Thema Schichtdienst, getrennte Eltern und Mamas Arbeit in der psychiatrischen Pflege abzugeben.

Fragen meines Sohnes an mich

Wie war es genau mit einem kleinen Kind die Ausbildung zu machen, besonders wenn Ihr gleichzeitig gearbeitet habt?
Durch den Schichtdienst in der Pflege war es vor allem am Anfang sehr anstrengend. Ich kannte es bis dahin nicht, Vollzeit zu arbeiten. Immer wenn der Dienstplan fertig war, habe ich mich mit Deinem Vater zusammengesetzt, und wir haben unseren Monat geplant. Das war zum Glück immer schon etwa vier bis sechs Wochen vor Monatsbeginn möglich. Deine Oma kam immer früh morgens kurz vor sechs zu uns, wenn wir gleichzeitig los mussten, und die Kita noch geschlossen war.

Warum bist Du in die Psychiatrie gegangen und nicht in das Krankenhaus für körperliche Erkrankungen?
Eigentlich wollte ich ja Hubschrauberpilotin werden, und als das nicht ging, wollte ich im Notarztwagen mitfahren. So kam ich auf die Idee, zuerst eine Ausbildung in der Pflege zu machen. Während der Ausbildung wechseln die Azubis alle paar Wochen auf die verschiedenen Stationen, und am Anfang des dritten Lehrjahres hatte ich dann meinen Einsatz in der Psychiatrie. Das hat mir mehr Spaß gemacht, als alles andere davor. Ich konnte es einfach und habe mich dort wohl gefühlt. Am Ende der Ausbildung durfte ich dann noch auf eine zweite psychiatrische Station und war mir danach noch sicherer, dass das der Bereich ist, in dem ich arbeiten möchte.

War es anstrengender dadurch, dass Ihr schon seit Du arbeitest getrennt seid?
Zum Glück nicht. Das liegt aber auch an Deinem Vater, denn er hat sich schon immer ganz viel um Dich gekümmert und wollte das auch so. Und ich wollte das auch so. Viele Menschen reden heutzutage davon, dass sich beide Eltern ausgeglichen um die Kinder kümmern sollten, aber die wenigsten machen es dann auch. Für die Zeit meiner Ausbildung haben wir noch als WG zusammengewohnt. Seitdem Du zwischen uns hin- und herpendelst, müssen wir drei uns besser absprechen. Es kommt zwar immer mal wieder zu Streit und Diskussionen, aber die gab es auch schon, als wir noch zusammen waren.

Fragen an meinen Sohn*

Wie findest Du meinen Beruf in der Pflege? Was findest Du gut und was nicht so?
Ich finde die Psychiatrie langweilig, weil man da nichts Besonderes macht und jeden Tag fast das Gleiche macht. Ich finde es nicht so gut, wenn Du viele gleiche Dienste hintereinander hast. Aber es ist egal, wenn ich mal allein zu Hause schlafen muss.

Wie stellst Du Dir die Arbeit in der psychiatrischen Pflege vor?
Ich stelle mir die Psychiatrie so vor, dass da geistig gestörte Leute sind, und man die davon abbringt, etwas Falsches zu tun.

Findest Du es anstrengender dadurch, dass Dein Vater und ich getrennt sind?
Nein. Vor allem, weil ich mich an die Zeit, als ihr noch zusammen wart, nicht mehr so gut erinnern kann und nicht mehr weiß, wie das da mit Deiner Arbeit war.

* Ich habe die Antworten meines Sohnes bewusst nicht bearbeitet, denn auch das gehört für mich dazu: Seine Meinung stehen zu lassen. Er muss nicht tun wollen, was ich tue. Aber es soll ihm gut mit dem gehen, was ich tue.

Eine Langzeitstudie…

… kann ich nicht liefern. Ich würde selbst gern wissen, welche Spuren diese einzelnen Faktoren bei meinem Sohn hinterlassen werden. Aber das ist schließlich nie möglich herauszufinden. Wichtig ist der Austausch – und zwar nicht nur zwischen Mutter und Vater, sondern auch zwischen Eltern und Kind. So habe ich zum Beispiel meinen Sohn so weit es geht immer mitentscheiden lassen. Als er alt genug war, habe ich ihn wählen lassen: „Willst Du bei Oma schlafen oder alleine zu Hause, wenn ich zum Nachtdienst fahre?“ Wir sind ein eingespieltes Team: Kind, Eltern, Großeltern. Vielleicht habe ich genau das aus der Pflege mit in unseren Alltag gebracht: Die Arbeit im Team.

Foto: Katharina Voß

Katharina Voß

(Jahrgang 1983) ) ist seit 2016 Berufspädagogin im Bildungszentrum für Gesundheitsberufe der Asklepios Kliniken Hamburg. Davor hat sie als Stationsleitung in der Klinik für Persönlichkeits- und Traumafolgestörungen der Asklepios Klinik Nord gearbeitet. Sie lebt mit ihrem Sohn in Hamburg. Katharinas Leidenschaft ist der Sport. Mehrmals pro Woche trainiert sie, fährt mit dem Rennrad zur Arbeit oder läuft durch die Hamburger Naherholungsgebiete. Am liebsten läuft Katharina an den Elbhängen in Rissen und Blankenese oder am nördlichen Alsterlauf. Doch auch auf der Tartanbahn fühlt sie sich wohl. Beim Sport kann Katharina die Anstrengungen der Arbeit hinter sich lassen und abschalten.


    Kommentare

    2
    • Kath

      Hallo Katharina,

      vielen Dank für deine offenen Worte. Das macht allen Müttern Mut!

      • Katharina Voß

        Hallo,
        das freut mich. Einerseits ist ja gerade Mut das was für besondere Situationen nötig ist, andererseits schwindet genau dieser so schnell wenn die eigenen Zweifel (als ich habe immer welche) noch von außen Futter bekommen.
        Liebe Grüße,
        Katharina Voß

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