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Der kleine große Unterschied

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Als Kinderkrankenschwester habe ich jeden Tag mit den kleinen Patienten zu tun und mir ist klar, dass es sich nicht um „kleine Erwachsene“ handelt. Doch das hat längst nicht jeder im Blick. Manchmal zeigen dann die Reaktionen von Kollegen aus der Erwachsenenpflege, wie groß der Unterschied in der Behandlung von Kindern wirklich ist.

Ein Beispiel aus dem Pflegealltag: Nach der Versorgung einer Verbrühungswunde im Hals-Schulterbereich bei einem Kleinkind kommt eine Kollegin aus der Erwachsenenpflege auf mich zu mit folgender Frage: „Sage mal, warum hast Du den Vater so eindringlich gefragt, ob er nach dem Verbrühungsunfall die Windel gewechselt hat? Sind die Wunden am Hals, Schulter und Arm jetzt nicht wichtiger?“ Und hier haben wir schon den ersten großen Unterschied zwischen der Kinder- und Erwachsenenpflege. Hier geht es schlicht um Erdanziehung: Das kleine Kind verletzt sich, wir nehmen es hoch auf den Arm und die ganze heiße Flüssigkeit, die es an Hals und Schulter verbrannt hat, läuft hinunter in die Windel. Die Windeln von heute speichern die heiße Flüssigkeit, das kleine Kind erhält eine heiße Hose und Verbrühungen im Windelbereich zu seinen anderen Verletzungen dazu. Meine Kollegin staunte, als ich ihr die Windel in die Hand gab, die wirklich sehr warm war, obwohl das Kind keinen Urin gelassen hatte. Auch der Vater meinte, er hätte nicht mit einer so warmen Windel gerechnet, da die Familie nur über die Straße musste, um in der Kindernotaufnahme zu sein.

Unterschiede müssen gelernt werden

Es gibt sie also, die vielen kleinen großen Unterschiede. Fangen wir beim Notfall an: Ist ein Erwachsener betroffen, gibt es Standardmedikamente. Mal sehr vereinfacht gesagt: Ampulle auf, aufziehen und rein in den Patienten. Bei den Kindern wird es komplizierter. Das Alter und das Gewicht spielen eine große Rolle. Von Frühchen mit gerade einmal 600 Gramm über Säuglinge mit beispielsweise 3.500 Gramm bis zu Kleinkindern mit 12 bis 50 Kilo und größeren Kindern kann alles vorkommen. Deswegen sind in der Kinderkrankenpflege die Fragen nach Gewicht, Vitalparametern, Equipment und Dosierung besonders wichtig.

verschieden große Braunülen

Es werden einfach, egal ob Notfall oder nicht, immer diese genauen Werte gebraucht. Dazu benötigen wir immer griffbereit verschiedene Größen an RR-Manschetten, Braunülen, Tuben und vielem mehr. Die Medikamente müssen vorbereitet sein, da wir in der Kinderkrankenpflege umrechnen müssen. Denn für viele Medikamente gibt es keine Kindergrößen, da sich „der Aufwand nicht lohnt, in großen Mengen zu produzieren“ – Zitat eines Pharmakologen. Selbst Personenwaagen brauchen wir in der Kinderpflege mindestens zwei verschiedene: eine Säuglingswaage und eine normale Personenwaage. Denn den kleinen Säugling auf dem Arm der Mutter oder des Vaters auf der normalen Waage zu wiegen und dann das Elternteil alleine, ist für die ganz Kleinen einfach zu ungenau.

Manschetten: die kleine weiße für Neugeborene passt um den kleinen Finger eines Erwachsenen

Atemspende, Kopf, Zähne: Vieles ist bei Kindern speziell

Auch die Kopflage während der Atemspende ist bei den Kindern unterschiedlich. Während ich bei der Atemspende bei Säuglingen bis zum Alter von etwa einem Jahr den Kopf nur minimal überstrecken muss (Schnüffelstellung), muss ich im Kleinkindalter und bei Jugendlichen meiner Erfahrung trauen. Ich muss spüren, ob ich dem Kind genug Sauerstoff oder Atemluft spende und den Kopf nicht zu sehr überstrecke.
Bleiben wir noch ein wenig in der Anatomie bzw. Physiologie. Die Fünf- bis Siebenjährigen freuen sich, wenn die Zähne ausfallen. Die Zahnfee kommt über Nacht und bringt kleine Taler. Ein Erwachsener hingegen ist nicht gerade begeistert, wenn der Zahn wackelt und raus muss. Jetzt wächst nämlich kein Zahn mehr nach und eine Zahnfee kommt auch nicht vorbei, um die nötigen Taler für einen Zahnersatz zu bringen.

Jeder Kinderarzt streicht den Säuglingen über den Kopf und freut sich, wenn er die Fontanelle (der noch nicht durch knöcherne oder knorpelige Strukturen umfasste Bereich des Schädels von Neugeborenen) gut spüren kann. Er fühlt, ob sie nicht verhärtet oder eingefallen ist. Dieses sind nämlich wichtige Zeichen, dass es einem Baby nicht gut geht. Bei älteren Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen sucht man vergeblich danach.
Und warum schaut eine erfahrene Kinderkrankenschwester immer sehr kritisch, wenn die Neugeborenen keine Mütze oder die jungen Babys während der Untersuchung im kühlen Untersuchungszimmer nicht unter der Wärmelampe liegen? Das Oberflächenvolumen-Verhältnis ist bei Kindern drei Mal größer als bei den Erwachsenen, es geht also viel mehr Wärme über die Haut verloren. Die Wärmelampe wird also immer angemacht, auch wenn wir das Gefühl haben, unser Kopf wird langsam zur heißen Herdplatte.

Weitere Beispiele für die Unterschiede in der Pflege

Wir Kinderkrankenschwestern freuen uns, wenn das Baby nach dem Trinken ein Bäuerchen macht. Es ist sogar wichtig, da es sonst zu abdominellen Beschwerden kommen kann und das Baby unruhig wird. Oma und Opa applaudieren und freuen sich, wenn der kleine Rülpser aus Babys Mund erschallt. Bei den Erwachsenen sind wir doch leicht verunsichert, wenn im Warte- oder Patientenzimmer ein Patient lautstark aufstößt. Da freut sich keiner und klatscht Applaus.

Braucht die Pflegekraft Urin für eine Untersuchung, gibt man dem Erwachsenen einen Urinbecher in die Hand und los geht es. Nur in der Altenpflege kann es etwas schwieriger werden. Bei Kindern sieht es dann noch etwas anders aus. Bei den Wickelkindern wird ein Urinbeutel geklebt (siehe Foto). Und Kleinkinder, die gerade trocken geworden sind, finden es gar nicht gut, in einen Becher Urin zu lassen. Schließlich sind sie jetzt groß und können auf Toilette gehen. Hier brauchen die Eltern viel Geduld und bestechen die Kinder etwa mit Süßigkeiten, damit sie in den Becher pinkeln.

Und woran erkennt man, dass eine Kinderkrankenschwester am Werk war, wenn man sich ein Kind mit Magensonde oder Sauerstoffbrille (von denen wir auch verschiedene Größen brauchen) ansieht? Für Kinder werden immer Herzchenpflaster geschnitten und geklebt. Ich bin mir relativ sicher, dass auch so manch ein Erwachsener gerne ein oder zwei Herzen im Gesicht kleben haben möchte.

Ausbildung in der Kinderkrankenpflege

Es gibt auch so viele Diagnosen, die es nur in der Kinderkrankenpflege gibt. Hier zeigt sich, wie wichtig es ist, dass man speziell für die Kinder- oder Erwachsenenpflege ausgebildet wird. Ich habe sogar noch vier Jahre meinen Beruf erlernt, da ich damals in einem kirchlichen Krankenhaus ausgebildet wurde. In der Regel sind es ja drei Jahre. Man lernt also drei Jahre Kinderkrankenpflege und jetzt sollen die neuen Azubis laut Ausbildungskonzept Kinder-, Erwachsenen- und Altenpflege zusammen in drei Jahren schaffen. Nur ein Jahr davon dient künftig der Spezialisierung für etwa Kinderkrankenpflege.

Sogar in der Sprache findet man die Unterschiede zwischen der Kinder- und Erwachsenenwelt. Werden die Kinder gefüttert, verabreicht man bei den Erwachsenen das Essen. Und während wir in der Kinderpflege bei den Kleinen die Windel wechseln, wird bei den Jugendlichen und Erwachsenen die Schutzhose ausgetauscht. Selbst bei den Diagnosen unterscheiden wir uns in der Sprache. Jeder von uns weiß, was ein Pychen ist. Es steht sogar manchmal so auf dem OP-Plan oder gilt als offizielle Diagnose. Die Pädiatrie weiß, dass sie hier von einem Kind spricht, dass eine Pylorusstenose (der Ausgang des Magens ist verengt) hat und operiert werden muss. Und während die Internisten beim HWI = Hinterwandinfarkt bei Erwachsenen den Notfall ausrufen, sind wir in der Kinderheilkunde bei einem HWI = Harnweginfekt doch recht entspannt.

Es gibt noch so viele Unterschiede in der Pflege bei Erwachsenen und Kindern. Wir müssen genau hinschauen, damit wir jede oder jeden altersgerecht nach bestem Wissen und Gewissen versorgen können und sie oder er sich wohlfühlt und wieder gesund wird.

Anekdoten aus dem Klinikalltag

Wir aus der Kinderkrankenpflege waren lange am zentralen Platz der Monitore bei den Erwachsenen mit angeschlossen. Zwei Assistenzärzte der Inneren Medizin hatten gerade ihre ersten Tage in der Notaufnahme. Wir im Kinderbereich versorgten routiniert ein 10 Monate altes Baby mit einer obstruktiven Bronchitis. Das Kind war am Monitor angeschlossen und somit auch für die Erwachsenen sichtbar. Wir waren entspannt am Arbeiten, als plötzlich die zwei Assistenzärzte in den Untersuchungsraum hinein gelaufen kamen und uns fragten, ob wir Hilfe bräuchten, denn die Herzfrequenz sei ja empfindlich hoch. Erstaunte Blicke bei uns. Denn mit einer Herzfrequenz von 146 bei einem 10 Monate alten Säugling, der gerade auch mit Salbutamol inhaliert hat, sind wir noch recht entspannt. Situation aufgeklärt und die Internisten zogen beruhigt ab.

Für viele Lacher hat diese Begebenheit gesorgt: Ich habe in einem komplett überfüllten Wartezimmer eine Mutter mit ihrem vierjährigen Kind aufgerufen. Der kleine Junge springt auf, läuft auf mich zu und ruft laut: „Ich habe einen kranken Penis, ihr müsst ihn gesund machen!“ Lachen im Warteraum, die Mama schaut ein wenig zerknirscht. Und ich? Ich sagte zu dem Kleinen: „Na dann mal schnell hinein ins Untersuchungszimmer“. In meinem Kopf spielte sich ein ganz anderes Kino ab: Wie hätten die Leute reagiert, wenn das ein Erwachsener gerufen hätte?

Fotos: Fotolia / Tobilander, Christiane Langhals

Kommentare

1
  • Anita

    Sehr gut geschrieben. Genau das macht unseren schönen anstrengenden und doch auch immer wieder zum schmunzeln Beruf aus.
    Was mich überlegen lässt, einen Blog zu starten..

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