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Pflege, das sprechende Handwerk

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Pflege, das sprechende Handwerk

Um Pflegekraft zu werden, ist bereits in vielen Ländern ein Studium nötig. Deutschland ist nach wie vor Verfechter der betrieblichen Ausbildung, auch wenn es inzwischen möglich ist, den dualen Weg zu gehen, also praktische Tätigkeit und Studium zu verbinden. Den Pflegeberuf als Studiengang zu etablieren, hat meiner Meinung nach viele berufspolitische Vorteile. Das, was Pflege heute schon tut, befindet sich auf einem hohen fachlichen Niveau. Würde die Ausbildung ein Pflichtstudium vorsehen, würde das nicht nur das Ansehen innerhalb der pflegerisch-medizinischen Berufe verbessern, sondern auch dem Anspruch an die eigene Tätigkeit besser gerecht werden.

Pflege ist so vielfältig, dass in drei Jahren Ausbildung kaum die Möglichkeit besteht, alle Fachbereiche im Detail zu verinnerlichen. Viele Auszubildende haben nach der Ausbildung daher das Gefühl, ins kalte Wasser zu springen. Mir ging es damals auch so. Ich bin nach drei Ausbildungsjahren mit dem Examen in der Tasche direkt in die Psychiatrie gegangen. Wir hatten dazu etwas Unterricht zu den häufigsten Erkrankungen und waren sechs Wochen im praktischen Einsatz in einem der unterschiedlichen psychiatrischen Fachgebiete. Ich hatte also einen Eindruck von dem, was mich erwartet, mehr aber auch nicht.

Miteinander reden – das sollte jede Pflegekraft können

War die Ausbildung dann überhaupt hilfreich? Auf den ersten Blick vielleicht nicht. Denn die Ausbildungszeit, die sich speziell auf die Psychiatrie bezog, machte vielleicht zehn Wochen aus. Mehr nicht. Auf den zweiten Blick aber doch sehr. Denn die sogenannten Sozialwissenschaften machen mindestens ein Drittel des theoretischen Unterrichts aus. Die Themeneinheiten heißen beispielsweise miteinander reden, Kommunikation I und II, Team und Führung I und II oder Aggressionen. Alles Themen, mit denen jede Pflegekraft in allen Fachbereichen zu tun hat.

Worte verbinden, nicht nur Wunden

Ich würde mal sagen, der technische Klassiker unter den pflegerischen Fachbereichen ist die Intensivmedizin. Geräte, Medikamente, Verbandsmaterialen, Therapieverfahren – alles ist kompliziert. Aber wer steht im Mittelpunkt? Der Mensch! Immer! Es ist ein unausgesprochenes Gesetz, dass ich als Pflegekraft auch gegenüber bewusstlosen Patienten kommentiere, was ich tue. Sicherlich lässt sich in der Notaufnahme ein Gipsverband anlegen, ohne dass ich als Pflegekraft ein Wort verliere. Dem Patienten würde es damit allerdings nicht gut gehen. Mein Wort hilft, Angst zu verlieren.

Ganz ohne Worte sprechen

Ich gehöre zu denen, die viel sprechen. Auch im Privatleben. Das war schon immer so. Ich höre noch meinen Vater: „Rede nicht, wovon Du keine Ahnung hast!“ Im Laufe der Zeit habe ich dazu gelernt. Nicht jedes Wort passt und manchmal ist es auch besser, nichts zu sagen. Damit will ich jetzt meinen vorigen Absatz nicht ad absurdum führen. Aber gerade in der Pflege haben wir es mit Menschen zu tun, die immer häufiger nicht mehr klar kommunizieren können. Ich meine damit die zunehmende Zahl an Demenz-Erkrankten.

Meine Worte werden vielleicht noch gehört, aber nicht mehr verstanden. Macht erstmal nichts, mein Ton kann beruhigen. Umso wichtiger ist es deshalb, auf die Art, wie ich etwas sage, zu achten. Und noch wichtiger ist der Blickkontakt. Ich kann noch so viel reden und dabei beruhigend klingen. Vergesse ich dem Menschen dabei in die Augen zu sehen, erreiche ich ihn nicht. Ich finde, die Augen sind der Schlüssel zur Seele, egal ob psychisch klar oder verwirrt.

Foto: Katharina Voß

Katharina Voß

(Jahrgang 1983) ) ist seit 2016 Berufspädagogin im Bildungszentrum für Gesundheitsberufe der Asklepios Kliniken Hamburg. Davor hat sie als Stationsleitung in der Klinik für Persönlichkeits- und Traumafolgestörungen der Asklepios Klinik Nord gearbeitet. Sie lebt mit ihrem Sohn in Hamburg. Katharinas Leidenschaft ist der Sport. Mehrmals pro Woche trainiert sie, fährt mit dem Rennrad zur Arbeit oder läuft durch die Hamburger Naherholungsgebiete. Am liebsten läuft Katharina an den Elbhängen in Rissen und Blankenese oder am nördlichen Alsterlauf. Doch auch auf der Tartanbahn fühlt sie sich wohl. Beim Sport kann Katharina die Anstrengungen der Arbeit hinter sich lassen und abschalten.


    Kommentare

    2
    • Andrea

      Da bin ich tatsächlich anderer Meinung. Ich erfahre am meisten über meinen Patienten und seinen Zustand, indem ich mich zurücknehme, ihn beobachte und wahrnehme. Diese Erfahrung habe ich sowohl in der ambulant psychiatrischen Pflege als auch aktuell auf einer internistischen Station mit pulmologischem Schwerpunkt gemacht. Patienten sind meist verunsichert und ängstlich, haben oft Schmerzen und erleben einen Kontrollverlust in einer fremden Umgebung, die nicht komfortabel und vertrauenerweckend ist. Wenn ich dann als Pflegekraft noch permanent auf ihn einrede, verursache ich Stress, weil ich Aufmerksamkeit fordere, die gerade auf einen völlig anderen Fokus – nämlich sich selbst – gerichtet ist. Also lasse ich die Situation doch lieber auf mich wirken, um seine Stimmung und Verfassung zu begreifen und lasse mich darauf ein. Angst kann ich nicht wegreden. Ich kann sie höchstens begleiten und erträglicher machen, indem ich da bin und zusammen mit meinen Patienten schaue, wo die Angst herkommt und wie sie damit umgehen können. Denn das ist das Ziel – sich nicht ausgeliefert fühlen, sondern verstehen, reflektieren und handeln. Kommunikation ist so viel mehr als reden!

      • Katharina Voß

        Liebe Andrea,

        danke für Deinen Kommentar.

        Die Kommunikation ohne Worte auf demenziell Erkrankte zur beschränken, kam anscheinend verallgemeinernd rüber, was nicht beabsichtigt war.

        Ich teile Deine Meinung, dass auch eine Pflegekraft ihr Werkzeug einzusetzen wissen muss. Wann Worte Sinn machen und wann nicht. Dazu kommt ja auch noch die eigene Person. Sich zu vielen Worten zwingen kann gekünstelt wirken.

        Viele Grüße,
        Katharina

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