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Kleine Wunder im Alltag

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Kleine Patienten sind oft die Größten.

Bei einem Wunder erwartet man immer etwas Großes, Außergewöhnliches. Etwas, an das man sich immer wieder gern erinnert.

Was ist aber mit den kleinen Wundern des Alltages, die einem alltäglich begegnen – und die man vielleicht im ersten Augenblick gar nicht als Wunder sieht? Im Alltag sind es die kleinen Dinge, die einem ein Lächeln und eine schöne Erinnerung an den Arbeitsplatz mit in den Feierabend nehmen lassen.

In einer Kindernotaufnahme wird jeden Tag geweint und gelacht. Es werden Ängste weggezaubert, es wird erklärt, getröstet, beraten und auch mal diskutiert. Finden sich in den täglichen Routinen auch kleine Wunder?

Eine kleine Hilfe, aber eine große Stütze

Ja, ich erlebe das immer wieder. Da ist die Mama, die mit ihrem Kind zur geplanten stationären Aufnahme zu uns kommt. Eine Routineangelegenheit. Das Kind ist drei Monate alt, wiegt gerade mal 2700 Gramm. Es ist ein Frühchen und noch nicht einmal in seiner Heimatstadt geboren, sondern am Wohnort von Oma und Opa im Süden der Republik. Drei Monate musste die Mama dort in einem Krankenhaus bleiben, durfte ihr Kind nur durch die Scheiben des Inkubators sehen. Jetzt hat sie ihren Sohn endlich für sich, sagt sehr deutlich zu mir und unserer Ärztin: „Ich lasse mein Kind nicht mehr los; lasse ihn nicht mehr allein.“ Sehr verständlich nach so einer langen Zeit der Entbehrung.

Ich merke aber, die Mama ist nervös. Ich frage nach, mehrfach. Ein dringendes Grundbedürfnis lässt die Mama unruhig werden, sie muss dringend mal auf die Toilette. Ich verspreche, auf ihr Kind aufzupassen. Sie reagiert äußerst skeptisch. Hat die Pflegekraft in einer Notaufnahme wirklich Zeit aufzupassen? Ich versichere, ich nehme mir die Zeit. Und dann halte ich ein kleines, friedlich schlafendes Baby im Arm. Die Rettungssanitäter müssen mal kurz warten und der Doktor muss mal kurz eine pflegerische Aufgabe übernehmen. Denn ich habe versprochen, so lange zu warten, bis die Mama wieder da ist. Ein kleines Wunder, denn die Frau sagt: „Ich glaube, manchmal muss ich doch loslassen“. Wäre nicht Corona-Krise, ich hätte die Mama gerne umarmt.

Kleine Dinge sind manchmal ein großer Schritt

Ein kleines Wunder habe ich neulich auch erlebt, als ich einen unserer kleinen Patienten mit der schweren Muskelerkrankung SMA (Spinale Muskelatrophie) wiedergesehen habe. SMA ist eine Erkrankung bestimmter Nervenzellen im Rückenmark und beeinträchtigt alle Muskeln des Körpers, wobei die sogenannten proximalen Muskeln (die dem Rumpf am nächsten sind) wie Schulter-, Hüft- und Rückenmuskulatur am schwersten betroffen sind. Kinder mit dieser Erkrankung sitzen in ihren E-Rollis und sind rund um die Uhr auf die Hilfe ihrer Eltern angewiesen.

Was bedeutet das aber für ein Kind? Mal an der Nase kratzen, mal etwas alleine trinken, mal heimlich ein paar Chips naschen – das alles funktioniert nicht. Denn die Armmuskulatur ist schlaff und mit dem E-Rolli kommt man sehr schlecht an die Süßigkeitenschublade. Die Forschung hat ein Medikament entwickelt, das die Erkrankung stoppt und durch spezielle Physiotherapie ein wenig Kraft in die Muskeln zurückbringt – mal sehr einfach ausgedrückt. Einen dieser tapferen Helden, den wir schon ein paar Jahre begleiten, habe ich letztens nach langer Zeit wiedergesehen und er hielt ganz stolz eine Safttüte. Ein kleines Wunder: Mal endlich wieder alleine trinken können, eigenbestimmt den Strohhalm aus dem Mund nehmen. Und das mit dem allein an der Nase kratzen klappt auch schon!

Einmal beim Wettlauf gewinnen

Da ist das fünfjährige Mädchen, das ständig Kopfschmerzen hat, egal zu welcher Tageszeit. Hier müssen mehrere Untersuchungen laufen. Untersuchungen, die auch mal weh tun können. Untersuchungen, bei denen man lange still liegen muss. Das alles erträgt die Kleine tapfer, ohne Murren. Denn sie möchte, wie sie sagt: „Wieder richtig gesund werden und beim Laufspiel einmal gewinnen!“ Wir Erwachsenen stehen da und staunen. Kein Geschrei beim Piksen, keine Angst vor der MRT-Röhre, sondern immer das Ziel vor Augen, einmal beim Wettlaufen zu gewinnen.

Es sind diese kleinen Wunder, die mich staunen lassen. Die die Welt bunt machen. Es muss nicht immer das Große und Außergewöhnliche sein.

Der Trost der Kleinen

Letztens hatten wir einen kleinen Fußballfan in Behandlung, der mit voller Geschwindigkeit auf der Straße mit seinem Roller hingefallen war. Einen Tag später besuchte er mich in der Notaufnahme, weil er mir eine Tüte Gummibärchen schenken wollte – zum Trost, weil mein Lieblingsverein verloren hatte.

Foto: Fotolia/ YEEKAZAR

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Wir sind Pflege! Denn mit mehr als zwei Millionen Patienten sind die Asklepios Kliniken eines der größten Gesundheitsunternehmen in Deutschland. Mehr als 47.000 Mitarbeiter sind rund um die Uhr im Einsatz - ein großer Teil von ihnen als Pflegekräfte.
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