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Hinsehen und nicht wegsehen: Die Kinderschutzgruppe im Klinikum Nord Heidberg stellt sich vor

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Kinderschutz ist ein sehr sensibles Thema. Zum Teil ist es leider noch in vielen Köpfen ein Tabu-Thema. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Aber die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Darum wurde in diesem Jahr eine Gruppe aus Ärzten und Krankenschwestern speziell für den Kinderschutz in der Asklepios Klinik Nord aktiv.

Mehr als 200.000 Kinder werden pro Jahr in Deutschland Opfer von Gewalt durch Erwachsene. Die Dunkelziffer ist bei weitem höher. Dabei müssen alle Altersklassen geschützt werden. Kinder ab sechs Jahren sind überproportional gefährdet, Opfer von Misshandlung zu werden. Die unter Sechsjährigen sind auf andere Weise bedroht – etwa durch ein Schütteltrauma. Das Statistische Bundesamt hat Zahlen veröffentlicht, nach denen Säuglinge in Deutschland seit Jahren dem höchsten Risiko ausgesetzt sind. (Quelle: „Deutschland misshandelt seine Kinder“ von Prof. Michael Tsokos und Fachärztin Saskia Guddat vom Institut für Rechtsmedizin der Charité in Berlin)

Wichtiges Thema – auch für Krankenhäuser

Diese Zahlen zeigen deutlich, wie wichtig dieses Thema ist. Und zwar überall: In den Familien, in den Kitas, Schulen und Betreuungseinrichtungen und auch in den Krankenhäusern. Gerade in den Kliniken sollen und müssen wir sensibilisiert sein, einen prüfenden Blick für Kindesmissbrauch zu haben. Denn wir in den Kindernotaufnahmen und Kinderstationen werden oft als erstes damit konfrontiert. Wir sind es, die die Kinder als erstes sehen, die Anamnese der Familie hören und dann reagieren müssen. Und genau hier müssen wir wachsam sein. Stimmt die Erzählung der Erwachsenen? Passen die Verletzungen der Kinder dazu? Das erfordert viel Einfühlungsvermögen, Empathie und Professionalität. Und genau hier setzt jetzt eine Kinderschutzgruppe an.

Eine Gruppe zum Schutz von Kindern

Seit diesem Jahr haben wir bei uns in der Asklepios Klinik Nord Heidberg eine offizielle Kinderschutzgruppe. Sie setzt sich zusammen aus zwei Oberärzten der Pädiatrie, einer Kinderchirurgin, dem psychosozialen Team „die Nestbauer“ sowie Kinderkrankenschwestern von der Kinderintensivstation, der Kinderstation und der Kindernotaufnahme. Darunter befinden sich zwei erfahrene Kinderschutzfachkräfte (InsoFa). Auch ich durfte 2021 diese Fachweiterbildung dank dem Klinikum Nord Heidberg absolvieren – und kann mein Wissen als Mitglied nun auch in unserer Gruppe anwenden.
Kinderschutzgruppen gibt es bundesweit in zahlreichen Kliniken und sind auf der Website Deutsche Gesellschaft für Kinderschutz in der Medizin gelistet. Das übergeordnete Ziel dieser Gruppen ist es, gefährdende Lebenssituationen von Kindern zuverlässig zu erkennen, die Erstversorgung, die Diagnostik sowie die Dokumentation. Darüber hinaus werden auch alle nachgelagerten erforderlichen Hilfen zum Schutze der Kinder eingeleitet.

Eine Mappe mit Informationen

Dank unserer Kinderchirurgin gibt es auf jeder Kinderstation sowie in der Kindernotaufnahme eine Mappe mit wichtigen Informationen und Telefonnummern zum Thema Kinderschutz. Diese ist für alle Mitarbeiter:innen einsehbar, so dass Kolleg:innen der anderen Fachrichtungen zeitnah Hilfe und Ansprechpartner:innen finden. Dort findet man auch die Gefährdungsmerkmale, die darauf hinweisen, dass es sich vielleicht um eine Kindeswohlgefährdung handeln könnte.
Weiterhin ist dort auch nachzulesen, was alles für eine genaue Untersuchung von Ärzt:innen und Pflegenden getan werden muss und gebraucht wird.

Schulungen für alle Mitarbeiter:innen

Im Rahmen meiner Tätigkeit in unserer Kinderschutzgruppe habe ich nach meiner Fachweiterbildung 2021 zwei interne Online-Fortbildungen durchgeführt und meinen direkten Kolleg:innen das Thema vorgestellt. Darüber hinaus hatten die Kolleg:innen der Erwachsenen-ZNA im Juni 2022 ebenfalls die Möglichkeit, bei meiner Kurzfortbildung zu diesem Thema geschult zu werden. Sie fand an drei unterschiedlichen Tagen statt, damit jeder der wollte auch teilnehmen konnte. Die Schulungen unter meiner Leitung wurden sehr gut angenommen. Es hat mich auch sehr gefreut, dass sogar Mitarbeiter:innen des Rettungsdienstes, die gerade ein Praktikum in der Erwachsenen-ZNA absolvierten, mit großem Interesse dabei waren. Für die ärztlichen Kolleg:innen der Erwachsenen-ZNA gab es auch eine Fortbildung, die von unserer Kinderchirurgin geleitet wurde. Denn gerade mit der Unfallchirurgie müssen wir zu diesem Thema eng zusammenarbeiten.
Die niedergelassenen Kinderärzte und Kinderärztinnen wissen zum Teil schon, dass es bei uns in der Klinik eine Kinderschutzgruppe gibt, so, dass wir uns gut vernetzen können und im engen Austausch stehen.

Austausch mit anderen Gruppen

Ein großes Treffen mit den Kinderschutzgruppen der anderen Kinderkliniken in Hamburg gab es in diesem Jahr auch schon und fand bei uns in der Asklepios Klinik Nord Heidberg statt. Denn alle Kinderkrankenhäuser in unserer Stadt haben eine Kinderschutzgruppe und können sich somit vernetzen und mit den niedergelassenen Mediziner:innen in den regelmäßigen Austausch treten. Denn im Kinderschutz kommt es sehr häufig vor, dass die Bezugspersonen der Kinder oft die Ärzte wechseln – ein sogenanntes Klinikhopping. Mit diesem Verhalten fallen Unregelmäßigkeiten beim Kind nicht sofort auf.

Meine Beweggründe

Was bewegt mich eigentlich in der Kinderschutzgruppe aktiv mitzuwirken und mich der Herausforderung einer Fachweiterbildung zu stellen? Die Initialzündung liegt schon lange zurück. Ich habe mal auf einer kinderchirurgischen Station gearbeitet, wo ich ein kleines Mädchen lange betreut habe, deren vertraute Welt zu den Erwachsenen tiefe Risse bekommen hat. Wäre ich damals nicht so jung gewesen, ich hätte dieses kleine Geschöpf adoptiert mit allen Konsequenzen. Aber mit Anfang 20? Für mich war klar, Kinder brauchen Schutz und Hilfe und vor allen Dingen vertraute Ansprechpartner:innen. Seitdem engagiere ich mich ehrenamtlich für den Kinderschutz und bringe mich auch da aktiv ein. Sorgentelefon, Hausaufgabenhilfe usw. Denn die Kids sind unsere Zukunft.
Eine der bedeutendsten Familientherapeutinnen, Virginia Satir sagte einmal: „Ich glaube daran, dass das größte Geschenk, das ich von jemandem empfangen kann, ist, gesehen, gehört, verstanden und berührt zu werden. Das größte Geschenk, das ich geben kann, ist, den anderen zu sehen, zu hören, zu verstehen und zu berühren.“
Passen wir alle auf, dass es in der Welt der Kinder nur gute Berührungen gibt. Und sollte diese geschützte Welt doch einmal Risse bekommen, dann dürfen wir nicht wegschauen, sondern müssen ganz genau hinschauen und helfen.

Fotos: Pixabay / Alexas_Fotos

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Wir sind Pflege! Denn mit mehr als zwei Millionen Patient:innen sind die Asklepios Kliniken eines der größten Gesundheits-unternehmen in Deutschland. Mehr als 67.000 Mitarbeiter:innen sind rund um die Uhr im Einsatz - ein großer Teil von ihnen als Pflegekräfte.
Auf diesem Blog erzählen einige von ihnen aus ihrem Alltag in einer der bundesweit rund 170 Gesundheitseinrichtungen von Asklepios. Wie sie arbeiten und was sie bewegt, lesen Sie hier.

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