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Die Quintessenz eines Arbeitslebens?

Autor:
Ohne Regen kein Regenbogen

Dieser Tage flatterte mir die alljährliche Rentenmitteilung der Deutschen Rentenversicherung ins Haus. Am 1. Dezember 2026, also in gut acht Jahren, werde ich meinen Ruhestand antreten. Nach bisher gut 36 Jahren beruflicher Tätigkeit mit diversen Umwegen und Umleitungen, manchen Irrungen und Wirrungen, ist es durchaus spannend, Rückblick zu halten und nach vorne zu sehen.

Den Rückblick hier auszubreiten, erspare ich mir allerdings. Das würde den Rahmen dieses kleinen Beitrags sprengen. Und trotzdem: Einige Dinge waren und sind entscheidend für mich, wenn ich an die vergangenen Jahrzehnte meines beruflichen Schaffens und Werdens denke. Spontan fallen mir hierzu einige Zeilen ein, die exakt das widerspiegeln, worauf es ankommt. Ich zitiere das „Gebet der Gelassenheit“:

„Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann
und die Weisheit, das eine vom andern zu unterscheiden.
Gott, gib mir die Geduld, mit Veränderungen, die ihre Zeit brauchen,
und Wertschätzung für alles, was ich habe,
Toleranz gegenüber jenen, mit anderen Schwierigkeiten
und die Kraft, aufzustehen und es wieder zu versuchen
– Nur für heute.“

Wie immer man nun zu Gebeten stehen mag – ich habe den Eindruck, dass diese wenigen Zeilen ein erfülltes Berufsleben ermöglichen.

Unsere Situation, wie wir sie oft empfinden

Wir langjährigen Pflegekräfte kennen das alle: Schon wieder was Neues, schon wieder will die Pflegedienstleitung, dass dieses oder jenes geändert wird. Schon wieder ein neues Schreiben der Geschäftsführung, schon wieder neue gesetzliche Vorgaben. Und manchmal sind es auch Kollegen, die bei Stationssitzungen immer so „wahnsinnig tolle“ Ideen haben. Die sollten doch erstmal arbeiten und dann können wir weiterschauen, denke ich mir dann. Den täglichen Frust mit den alltäglichen Anforderungen, die von allen Seiten auf uns einströmen, empfinde ich manchmal als zermürbend. Der Zeitmangel, die steigenden Anforderungen, der enge Personalschlüssel – all das kann desillusionieren oder sogar krank machen. Ich habe das häufig beobachtet: Der Burn-Out ist nicht mehr weit. Klar geht es mir manches Mal selber so: Die Zeit rennt davon und es ist noch so viel zu tun; die ersten Kollegen sind schon zur Übergabe da und ich hätte eigentlich noch dies oder jenes dringend zu tun… Es gibt unzählige Beispiele für die alltägliche Hektik.
Und trotzdem: Unser Beruf ist einfach zu schön und zu wichtig, um sich so leicht unterkriegen zu lassen.

Was hat das Gebet der Gelassenheit damit zu tun?

Wie bitteschön können uns die obenzitierten Zeilen konkret in unserem von Spannungen und Stress geprägten Umfeld weiterhelfen? Mir haben sie geholfen. Ich will kurz erzählen, wie.

Gelassenheit:
Das bedeutet, nicht bei jeder Kleinigkeit den Untergang der Welt zu erblicken, sondern in Ruhe zu analysieren. Ich versuche, erstmal nachzudenken, bevor ich handele. Ich frage mich, ob ich das, was da auf mich zukommt, ändern kann.
Mut:
Dinge, die es wert sind, geändert zu werden, versuche ich, auch zielstrebig anzugehen und zu ändern.
Weisheit:
Ist es die Sache überhaupt wert? Oder handelt es sich nur um Kleinigkeiten, die nicht wirklich wichtig sind und für die es sich nicht lohnt zu kämpfen?
Geduld:
Ich habe gemerkt, dass es sich lohnt, nicht alles übers Knie brechen wollen, sondern den Dingen Zeit zu geben.
Wertschätzung:
Bin ich mit meinem Status Quo zufrieden oder besteht hier Änderungsbedarf? Muss ich mich selber ändern, um Dinge ändern zu können?
Toleranz:
Jeder hat Ideen, Pläne. Und jeder ist es wert, dass seine Ideen gehört werden.
Kraft:
Nicht liegen bleiben bei „Niederlagen“. Immer wieder aufstehen und positiv an die Dinge rangehen.
Nur für heute:
Heute will ich das versuchen, nicht erst morgen! Und morgen ist schon das nächste heute!

Schlussfolgerungen

Es ist deutlich zu sehen, dass diese wenigen Zeilen des Gebetes der Gelassenheit sehr wohl geeignet sind, dabei zu helfen, unseren konkreten Alltag auf Station oder in welchem Bereich des Gesundheitswesens auch immer zu meistern. Es bedarf keines langen Zeitraums: Wenn ich beispielsweise einen Patienten von der Notaufnahme abhole oder in den OP fahre, dann habe ich immer einige Sekunden, die ich nutzen kann, um ein klein wenig runterzukommen. Wenn ich mich einfach ganz kurz rausnehme aus der Stress-Situation, sozusagen ein klein wenig beiseitetrete und mir die Gedankengänge der Gelassenheit ins Bewusstsein rücke, kann das schon viel helfen.

Gelassenheit im Park

Sicherlich gibt es viele Reibungspunkte, bei denen uns diese Zeilen nicht ins Hirn schießen werden. Und doch kann es wertvoll sein, die Gedanken immer wieder aufs Neue ins Gedächtnis zu holen und sich bewusst zu machen.

Die Schönheit unseres Berufes wird sehr oft durch jede Menge Anforderungen und teilweise Überforderungen zugedeckt. Aber wenn wir uns manchmal diese wenigen Zeilen ins Bewusstsein rufen, kann uns das helfen, die Schönheit und die positiven Herausforderungen des Pflegeberufes trotz aller Widerstände neu zu entdecken und so vielleicht auch weiterzugeben. Und das von Anfang an – HEUTE!

Fotos: Jochen Schwab

Jochen Schwab (Jahrgang 1962) arbeitet seit mehr als zwei Jahrzehnten in der Asklepios Stadtklinik in Bad Tölz. Nach einigen Jahren als stellvertretende Leitung und dann Stationsleitung ist Jochen heute Nachtwache auf der Chirurgischen-Gefäßchirurgischen Station. Vor seiner Karriere als Krankenpfleger war Jochen als gelernter Elektroanlageninstallateur tätig. Morgens freut sich sein Hund Chicco, ein Golden-Retriever-Cocker-Mix, wenn Jochen nach Hause kommt. Spannend findet Jochen alles, was mit Computern zu tun hat. Und wenn immer es geht, füllt Jochen seine Freizeit mit Tauchen – im Mittelmeer, im Roten Meer aber auch zu Hause in den oberbayerischen Seen, und das sogar im Winter.


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Auf diesem Blog erzählen einige von ihnen aus ihrem Alltag in einer der bundesweit rund 150 Gesundheitseinrichtungen von Asklepios. Wie sie arbeiten und was sie bewegt, lesen Sie hier.

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